Angst-Katze im Ausnahmezustand

14.01.2018 19:07
Jedes Lebewesen kennt sie, jedes Lebewesen hat sie zu minderst schon einmal in seinem Leben gespürt: Angst! Grundsätzlich ist dieses Gefühl ja nichts ungewöhnliches und gehört zum Leben dazu; dies gilt nicht nur für uns Menschen, sondern auch für unsere Katzen. Doch es gibt Ereignisse, welche in unseren Fellnäschen eine derart große Angst auslösen, sodass dieses Gefühl in ihnen plötzlich übermächtig wird und von da an massiven Einfluss auf das Katzenleben hat. So erging es vor einiger Zeit meinem Kater Spirit...

Es war ein Sonntag Nachmittag im November 2017: Ich saß in der Küche und trank einen Kaffee, während Spirit und Mystery im Wohnzimmer ihr Nachmittagsschläfchen hielten. Plötzlich ertönte ein lautes, gequältes Miau aus dem Wohnbereich! Ohne Nachzudenken sprang ich auf, um nebenan nach dem Rechten zu sehen. Da sah ich wie Spirit mit großen Augen, gesträubten Fell und starr vor Schreck inmitten des Wohnzimmerbodens saß. Als ich mich ihm vorsichtig näherte, fing er plötzlich an, wild und ohne Ziel durch die gesamte Wohnung zu laufen, auf alle möglichen Einrichtungsgegenstände hinauf und wieder hinunter zu springen und hielt nur kurzzeitig zwischendurch inne, um sich über den Nacken zu lecken. Ich versuchte ihn zu folgen, damit ich nachschauen konnte, was diese ungewohnte Reaktion ausgelöst hatte, doch ich hatte keine Chance, Spirit blieb nirgendwo länger als eine Minute sitzen bzw. stehen! Erst nach ungefähr fünfzehn Minuten kam mein Kater auf dem Bett zum Stillstand und setzte sich hin. Er hatte sich in seinem Schrecken so verausgabt, dass er hechelte... Nun konnte ich mich ihm nähern, ohne das er Anstalten machte, wegzulaufen.

Als ich bei ihm angelangt war, berührte ich Spirit mit äußerster Behutsamkeit und wartete auf seine weitere Reaktion ab. Als er weiterhin sitzen blieb, fing ich an, vorsichtig über sein Fell zu streichen. Doch ich konnte weder eine Verletzung erkennen, noch erfühlen! Er saß einfach „nur“ da, hechelte wie wild und sah sich panisch im Raum um. Der einzige Anhaltspunkt für dieses seltsame Verhalten war, dass er sich unaufhörlich über den Nacken leckte, doch auch an dieser Stelle war keine Verletzung oder Auffälligkeit zu sehen... Ich fühlte mich in diesem Moment absolut hilflos. Viele Fragen schossen mir durch den Kopf: „Was war das?“ „Was ist passiert?“ „Wie kann ich ihm helfen?“ „Soll ich gleich zur Notfall-Klinik fahren oder warten, bis morgen, die Tierärztin geöffnet hat?“ Als ich mir diese Gedanken machte und Spirit beobachtete, erinnerte mich dieses Verhalten daran, was man tut wenn es juckt: Na klar, kratzen! Sein ständiges Lecken über den Nacken bestätigte mir den Eindruck eines extremen Juckreizes. Deshalb holte ich einen Waschlappen, befeuchtete diesen mit kaltem Wasser und hielt ihn ganz, ganz langsam und vorsichtig (so als würde mein Kater aus Porzellan sein) an den Nacken des Katers. Nach ein paar Sekunden nahm ich den Waschlappen wieder weg, wartete ein paar weitere Minuten ab und wiederholte das ganze Prozedere noch einige Male. Währenddessen beobachtete ich Spirit´s Reaktion ganz genau. Nach und nach beruhigte er sich langsam und auch das Hecheln wurde weniger, bis er schließlich wieder vollkommen normal atmen konnte.

Als sich Spirit wieder soweit beruhigt hatte, machte ich mich daran, für ihn und seine Schwester Mystery das Futter herzurichten. Während Mystery freudig meinem Ruf nach Futter folgte, schlich Spirit wie ein geprügelter Kater zu seiner Futterschüssel. Er roch an seinem Fressen, doch plötzlich fuhr er hoch und sah sich ängstlich um. Voller Angst sprang er daraufhin auf die Küchenarbeitsplatte und blieb dort mit dem Rücken zur Wand regungslos sitzen. Ich ließ ihn gewähren, denn für´s Erste war es mir wichtig, dass er nicht wieder so gehetzt durch die Wohnung lief und Kreislaufprobleme riskierte. Ich sah mir meinen Kater nochmal genau an, doch noch immer konnte ich nichts auffälliges sehen oder ertasten. Also ließ ich ihn in Ruhe sitzen. Am Abend saß Spirit immer noch in der Küche auf der Arbeitsplatte. Er hatte sich seit der Fütterung keinen Millimeter von seinem Platz wegbewegt! Versuche, ihn mit seiner Lieblingsangel zum spielen zu animieren scheiterten ebenso wie der Versuch ihn mit seinen Lieblingsleckerlis zu locken. Er saß einfach nur da und starrte ängstlich in Richtung des Wohnzimmers... „Das ist nicht normal!“ „Das alles ist nicht mein aufgeweckter, lebensfroher Kater! Morgen gehen wir zur Tierärztin!“ dachte ich bei mir.

Am Morgen des nächsten Tages, erkannte ich, dass sich Spirit´s Verhalten nicht verändert hatte, anscheinend war er die ganze Nacht auf der Küchenarbeitsplatte geblieben... Ich richtete für meine Katzen das Frühstück her und wartete ab. Normalerweise wäre er zu seiner Schüssel mit Frühstück gesprungen, doch diesmal rührte er nicht einmal ein Schnurrhaar... Erst nachdem ich ihm seine Schüssel vor die Nase stellte, fraß er wie gewohnt. Anschließend machten wir uns auf den Weg zur Tierärztin. Als ich der Ärztin den Vorfall des Vortages und Spirit´s ungewohntes, ängstliches Verhalten schilderte, vermutete sie einen Insektenstich als mögliche Ursache. Mir kam diese Erklärung für die Jahreszeit etwas ungewöhnlich vor, aber man weiß ja nie... Um auf Nummer sicher zu gehen, wurde Spirit komplett durch gecheckt. Es war zum Glück soweit körperlich alles in Ordnung, woraufhin die Tierärztin zu dem Ergebnis kam, dass es sich um einen Insektenstich handelte und dieser als leichte, allergische Reaktion einen starken Juckreiz ausgelöst hatte. Deshalb bekam mein Kater eine Spritze und zur Beruhigung für die gereizte Haut ein Öl, welches in das Futter gemischt werden sollte. Für sein ängstliches Verhalten empfahl mir die Tierärztin einen Pheromon-Stecker, welcher eine beruhigende Wirkung auf Spirit haben sollte. Des Weiteren, sagte mir die Ärztin, dass ich viel Geduld haben solle. Auf meine Frage wie lange diese Angstzustände andauern würden, meinte sie, dass dies von Katze zu Katze verschieden sei; allerdings sollte ich nach dem Einsatz des Pheromon-Steckers bereits nach einigen Tagen eine Besserung erkennen können... Des Weiteren meinte sie, sollte trotz Wiedererwarten keine oder kaum Besserung eintreten, solle ich wiederkommen und wir würden dann mit einer homöopathischen Behandlung beginnen...

Etwas getröstet, dass es meinen Kater zu minderst körperlich gut ging, machten wir uns auf dem Heimweg. Zu Hause angekommen, kletterte Spirit aus der Transporttasche und sprang sofort auf die Küchenarbeitsplatte. Dort angekommen, setzte er sich wieder auf „seinen“ Platz und leckte sich ausgiebig über die Stelle am Nacken. Ich bereitete derweil ein frisches Futter für meine beiden Fellnäschen (Spirit´s Futter mit dem Öl der Tierärztin gemischt) zu und stellte es an deren gewohnten Platz. Mystery fraß freudig ihr Futter. Spirit allerdings, sah zuerst zu seiner Schüssel, dann zu mir und wieder zu seinem Futternapf... Ich versuchte ihn zu locken, indem ich ihm sein Fressen hinhielt und danach an dessen Platz stellte. Doch mein Kater bewegte sich wieder keinen Millimeter von seinem Platz weg! Deshalb stellte ich ihm sein Futter erneut vor die Nase und wartete ab... Es dauerte ebenfalls wieder keine zwei Minuten und Spirit fraß sein Futter mit gutem Appetit. Da fiel mir ein, dass er ja noch gar nicht auf der Katzentoilette gewesen war! Also nahm ich ihn, nachdem er fertig gefressen hatte, vorsichtig hoch und ging mit ihm Richtung des stillen Örtchens. Nicht einmal dort in der Nähe angelangt, wurde mein Kater plötzlich wieder vollkommen panisch und wollte wieder an seinen Platz in der Küche zurück. Ich setzte ihn also wieder zurück auf seinen Küchenplatz. „Was nun?“ dachte ich und entschloss mich zu einem ungewöhnlichen Schritt: Ich schnappte mir die Katzentoilette und stellte sie in die Küche. Dort nahm ich Spirit wieder hoch und setzte ihn hinein. Ohne mit dem Katzenhaar zu zucken, erledigte er sein Geschäft und lief wieder zu seinem Platz. Zufrieden, dass vorerst die wichtigsten Bedürfnisse erledigt waren, machte ich mich auf den Weg, den Pheromon-Stecker im nahe gelegenen Tierfachgeschäft zu kaufen. Wieder zu Hause angekommen, aktivierte ich sofort den Pheromon-Stecker und wartete ab. Der weitere Tagesverlauf, die kommende Nacht sowie der darauf folgende Morgen gestalteten sich danach genauso wie zuvor, allerdings ruhig und ohne weitere Auffälligkeiten.

Am folgenden Nachmittag, als ich von der Arbeit nach Hause kam, wurde ich lediglich von Mystery begrüßt. Danach sah ich sofort nach Spirit, doch mein Kater war nicht mehr auf seinem Platz auf der Küchenarbeitsplatte! Etwas aufgeregt, fing ich an, nach ihm zu suchen. Schließlich wurde ich im Wohnzimmer fündig. Er hatte sich in die Höhle der Katzenkratztonne zurückgezogen. Erleichtert, dass es ihm trotz diesem besonderen Zustandes soweit gut ging, strich ich ihm zur Begrüßung über das Fell. Doch plötzlich bekam ich einen ordentlichen Schreck: Spirit hatte sich im Bereich des Nackens blutig gekratzt! Rasch holte ich ein steriles Tuch aus dem Tier-Erste-Hilfe-Packerl (habe ich immer zu Hause und zu diesem Zeitpunkt war ich heilfroh darüber!) und tupfte meinem Kater ganz, ganz vorsichtig das Blut ab. Danach sah ich mir die Wunde an, ob sich ein Fremdkörper darin befand bzw. ob Schmutz in die offenen Stelle gelangt war. Zum Glück war bis auf die Tatsache, dass es etwas blutete alles in Ordnung. Ich nahm anschließend ein weiteres, steriles Tuch und tupfte die Stelle erneut äußerst vorsichtig ab. Als ich sah, dass kein Blut mehr floss und Spirit sich auch nicht kratzte und schleckte, machte ich mich auf, um meinen Katzen das Abendessen herzurichten.

Dieses Abendessen gestaltete sich fast so, wie das vorherige. Spirit blieb trotz aller lockenden Rufe, in seiner Höhle sitzen und bewegte sich nicht. Deshalb brachte ich ihm seine Futterschüssel ins Wohnzimmer und stellte sie in seinem Blickfeld, vor der Kratztonne auf. Nun wartete ich ab. Der Duft des Futters lockte meinen Kater und er steckte langsam und auf äußerste Vorsicht bedacht sein Köpfchen aus der Höhle. Schließlich siegte der Hunger über die Angst und er schlich sich zu seiner Futterschüssel und fraß mit großem Appetit. Nachdem er fertig gefressen hatte, war Spirit allerdings darauf bedacht, sich so schnell als möglich in den Schutz der Kratztonnen-Höhle zurückzuziehen... Als ich seine Schüssel in die Küche trug und ein Tuch holte, um den Wohnzimmerboden zu reinigen, hörte ich vertraute Geräusche aus der Katzentoilette. Da ging ich natürlich sofort nach schauen, wer von meinen beiden Fellnäschen, dass stille Örtchen aufsuchte (normalerweise mache ich das nicht, dass ich meinen Katzen beim Geschäft verrichten zusehe, aber ich wollte wissen, ob Spirit sein Geschäft ordentlich verrichtete, denn ein zurückhalten des Harns bzw. des Kots kann zu Schäden der Ausscheidungsorgane führen und das wollte ich natürlich um jeden Preis verhindern).

Zu meiner großen Erleichterung war es Spirit, welcher sein Geschäft erledigte. Er zog sich danach abermals in die Höhle zurück. Ich empfand es als kleinen Erfolg, dass er seine Angst vor dem Wohnzimmer überwunden hatte, auch wenn er noch nicht der Spirit war, welchen ich kannte. An der gewohnten, abendlichen Spielrunde beteiligte er sich gar nicht (normalerweise ist er derjenige der oft schon ungeduldig bereits nach dem Fressen auf dieses Ritual besteht und erst Ruhe gibt, wenn wir gespielt haben). Ich ließ ihn in Ruhe. Ich war überzeugt, dass wenn er bereit sein würde, er es zeigen würde. Die folgenden Tage, vergingen nach dem gleichen, zuvor beschriebenen Ablauf. Am folgenden Wochenende jedoch, wurde ich freudig überrascht: Spirit kam -ohne das er Hunger hatte oder das Bedürfnis hatte sein Geschäft zu verrichten- aus der Höhle der Kratztonne hervor! Er ging -äußerst vorsichtig und langsam- durch das Wohnzimmer in Richtung der Küche.. Dabei sah er sich zwar immer wieder ängstlich um, aber er blieb davon abgesehen ruhig.

Als er seine Runde beendet hatte, zog er sich zwar sofort wieder in die Höhle zurück, aber es war ein wichtiger Fortschritt geschehen! Von diesem Zeitpunkt an, sah man fast stündlich wie Spirit Schritt für Schritt seine Angst überwand: Ich stellte daraufhin von Mahlzeit zu Mahlzeit die Futterschüssel immer weiter in Richtung ihres angestammten Platzes in der Küche und es machte meinem Kater nichts aus! :D Schließlich nahm Spirit sein Futter wieder an seinem gewohnten Platz zu sich. Danach bemerkte ich auch die zurückkommende Freude am spielen! Zuerst spielte er nur in unmittelbarer Nähe seiner Höhle, doch als er im Verlauf der folgenden Tage merkte, dass keine Gefahr drohte wurde er auch in diesem Punkt immer selbstbewusster. Schlussendlich nahm er wie eh und je an den täglichen Spielrunden teil... In diesen Tagen zeigte auch das Öl für die Haut seine volle Wirkung und das Jucken der Haut war fast vollkommen verschwunden, sodass die aufgekratzte Stelle am Nacken rasch wieder verheilte. Nach etwa 2 ½ Wochen, hatte es Spirit schließlich geschafft und seine Ängste vollkommen überwunden! :D

Mittlerweile ist Spirit wieder ganz „der Alte“, auch wenn er in manchen Situationen etwas schreckhafter als früher ist. Doch das ist nicht so schlimm, denn das Wichtigste ist, dass er wieder ein unbeschwertes und angstfreies Leben führen kann... :)
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